Berlin bleibt feministisch – zwei Generationen des feministischen Aktivismus im Gespräch

Mit Cristina Perincioli, Filmemacherin und Autorin, die in den 1960er und 70er-Jahren die entstehende Frauenbewegung prägte, und Magda Albrecht, deren queerfeministischer Aktivismus heute on- und offline stattfindet, treffen zwei Generationen von Feministinnen aufeinander. Die Frage drängt sich auf: Wieviel haben diese beiden Generationen noch gemein? Wo sind Berührungspunkte, an denen Austausch entstehen kann? Mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen nähern sich die beiden Aktivistinnen im Gespräch mit Claudia Neusüß diesen Fragen.

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Jetzt aber werde ich feministisch – über erste Einflüsse und Inspirationen

Magda Albrecht sagt, sie habe früh eine Sensibilität für Geschlechterverhältnisse entwickelt, auch weil sie anhand ihrer zwei Brüder gemerkt habe, welche Erwartungen an Jungen und Mädchen gestellt werden.

Mit 14/15 habe ich angefangen, in Ostberliner Jugendclubs Musik zu machen, und die sind sehr männlich geprägt. Und wenn man dann in einer Band mit ausschließlich jungen Mädchen spielt, hört man eine ganze Menge Scheiß, um das mal zusammenzufassen. Das harmloseste war noch „Für eine Mädchenband seid ihr ja ganz gut“ oder „Beeilt euch mal beim Soundcheck, das ist hier kein Kaffeekränzchen“ – also die volle Bandbreite was man als junge Frauen in der Musik hört kann ich präsentieren. Da war auf jeden Fall eine Sensibilisierung dafür da, dass es sowas wie Geschlechterverhältnisse gibt, auch wenn ich es in den Jahren so noch nicht benannt habe.

Magda Albrecht mit ihrer Band Totall Stressed.
Magda Albrecht mit ihrer Band Totally Stressed.

Vertieft wurde diese Sensibilisierung beim Studium in Berlin und beim akademischen Jahr in den USA, wo sie sich viel mit den Bereichen gender, race und class und dem Thema der sozialen Bewegungen beschäftigte. Dort machte sie auch die Erfahrung, dass es unterschiedliche Feminismen gibt, und setzte sich mit diesen verschiedenen Ausprägungen und ihrer Geschichte auseinander, zum Beispiel mit rassismuskritischen und lesbischen Perspektiven.

Ich kam dann 2009 nach Berlin zurück und habe bei Google „Gender“ und „Blog“ eingegeben, weil ich dachte: „Ich bin zurück, ich bin politisiert, die Revolution muss beginnen, hier muss etwas geschehen, ich möchte aktiv werden.“

So stieß sie erst auf den Genderblog und dann auf die Mädchenmannschaft, für die sie bis heute schreibt.

Cristina Perinciolis feministische Prägung verlief unter anderen Bedingungen:

In erster Linie muss man sagen: Das Wort gab es erstmal nicht. Es gab keine Frauenbewegung in dem Sinne, es gab auch keine Erinnerung an frühere Frauen. Wir kannten natürlich Clara Zetkin oder Helene Lange, aber die haben uns nicht unbedingt inspiriert. Zu der Zeit 1968-’74, die ich in meinem Buch beschreibe, und die in der Folge die Bewegung in Bewegung brachte, gab es am Anfang nur Parolen, zum Beispiel „Frauen erhebt euch und die Welt erlebt euch“. Das war dann ein Kleber, den man zuhause ins Klo gehängt hat.

Sie merkte aber bald, dass andere aktive Frauen wie zum Beispiel Helke Sander andere Prioritäten hatten, zum Beispiel Mutterschaft und Kinderbetreuung, von denen sich Cristina Perincioli nicht angesprochen fühlte. Auch die aktive Linke war kein brauchbarer Ansatzpunkt:

Dann gab es die sozialistischen Frauen im SFB, das nannten wir damals den „Durchlauferhitzer“: Frauen, die damals in der schon sehr aktiven Linken mitreden wollten, sind zum SFB gegangen und haben dort eine etwa einjährige Schulung gemacht, haben Lenin, Marx und das ganze Curriculum gelesen. Dann waren sie fit um sich nicht zu blamieren, wenn sie mit den linken Männern mithalten wollten. Das klingt jetzt wie ein Witz, das war aber alles sehr ernst. Ich bin da das ein oder andere Mal hin, aber wir haben die dort nur geärgert. Das konnte es nicht sein – aber es gab nichts anderes. Feministische Gedanken, also nur die Frau in den Mittelpunkt zu stellen, das ging gar nicht zu der Zeit. Es war die Zeit der vielen Parteiinitiativen, und die haben sich alle gegen eine separate Frauenbewegung gestellt, weil das ja die Arbeiterklasse spaltet. Die Frauen werden automatisch befreit, wenn der Sozialismus kommt, deswegen brauchen wir keine Frauenbewegung. Für viele ist das ein alter Hut, aber man muss sich nochmal klarmachen, wie groß die Widerstände waren, überhaupt den feministischen Gedanken zu haben.

Das Problem: frau müsse sich „erstmal klar sein, dass man etwas anderes will“. In einer Stadtteilgruppe fand Cristina Perincioli schließlich Frauen, mit denen sie aktiv werden konnte – auch wenn es anfangs nicht danach aussah:

Da waren Männer und Frauen – die Frauen haben gestrickt und geschwiegen, und die Männer haben große Reden geführt und unter anderem ein Go-In beschlossen. Als ich dann aber mit der Kamera dort ankam, kam kein einziger Mann. Es waren nur die Frauen da, die dann das Go-In gemacht haben, und sie waren grandios, und so laut wie ich nie vermutet hätte. Das hat mir unglaublich Auftrieb gegeben: Zu sehen, dass es Frauen gibt, die zwar die ganze Zeit still sind, aber eine unglaubliche Power im Hintergrund haben.

Mit diesen Frauen zusammen produzierte Cristina Perincioli 1971 ihren Film Für Frauen – 1. Kapitel, erstmalig gedreht mit einem reinen Frauenteam. Als die Gruppe sich auch danach weiter traf um über ihre persönlichen Belange zu reden, kam ihr die Idee zur Gründung des ersten Frauenzentrums, das 1973 in Berlin eröffnete.

Cristina Perincioli mit dem Team des Films "Für Frauen - 1. Kapitel". Foto: Skip Norman
Cristina Perincioli mit dem Team des Films Für Frauen – 1. Kapitel. Foto: Skip Norman

Was ist Feminismus?

Magda Albrecht spricht lieber von Feminismen als von Feminismus.

Es gibt so viele feministische Themen wie es Feminist_innen gibt – jedes Thema, das einer Feministin auf der Seele brennt, und das auch etwas mit Gesellschaft zu tun hat, ist ein feministisches Thema.

Wichtig ist ihr dabei aber, Gesellschaft möglichst komplex zu analysieren und dabei verschiedene Lebensrealitäten wahrzunehmen – auch dann, wenn frau nicht von ihnen betroffen ist. Dazu gehöre zum Beispiel, im queeren Feminismus auch das Thema Rassismus mitzudenken.

Cristina Perincioli widerspricht – aber nur zum Teil:

Diese vielen Feminismen, die du beanspruchst – ich habe meine Zweifel, ob es wirklich viele Feminismen gibt. Ich habe das anders verstanden: Für mich ist Feminismus ein Kampf gegen das Patriarchat, und nicht Befindlichkeiten im kleineren Rahmen. Sondern wirklich das System infrage stellen, das Patriarchat. Die Frage, welche Themen wir damals bearbeitet haben, da fiel mir nichts dazu ein: Es waren alles feministische Themen. Das heißt wir haben plötzlich als Frauen um uns geschaut und gesehen, dass es überall Arbeit für uns gibt.

Kampf gegen das Patriarchat, zum Beispiel in den Medien: Demonstration gegen Diffamierung von Lesben in der BILD-Zeitung, 1973. (Foto: Cristina Perincioli)
Kampf gegen das Patriarchat, zum Beispiel in den Medien: Demonstration gegen Diffamierung von Lesben in der BILD-Zeitung, 1973. (Foto: Cristina Perincioli)

Was hat die ältere Generation gelernt – und was kann die jüngere von ihr lernen?

Cristina Perincioli bedauert im Rückblick, viel Zeit mit Auseinandersetzungen verloren zu haben.

Wir haben, das zeigen die Protokolle der Plenumssitzungen, uns noch sehr lange unglaublich auseinandergesetzt mit den Ansprüchen der Arbeiterbewegung. Das Wort „Arbeit“ steht in jedem Satz – es wurde immer sehr stark betont, dass wir arbeiten, vor allem mit Arbeiterinnen arbeiten. Dieser antikapitalistische Anspruch, mit dem wir als Linke in die Frauenbewegung gekommen sind – das hat uns lange lange aufgehalten. Das klingt jetzt so, als wären wir alle nicht mehr links gewesen. Aber das hat uns eben aufgehalten, auch wenn wir dann gemacht haben was wir machen wollten, und es war auch nicht fruchtbar. Das war halt unser Erbe, unser Umfeld.

Magda Albrecht:

Ich glaube, was ich von der Generation vor mir gelernt habe, ist, dass es leider fast jeden Tag wichtig ist zu kämpfen. Die Themen sind immer präsent, der Kuchen ist nicht gegessen. Und zweitens habe ich gelernt, dass mein Blick auf die Welt, mein Wissen und meine Erfahrungen trotzdem partikular sind. Ich verstehe mich als Frau, ich bin eine queere Person, aber trotzdem sind die Erfahrungen, die ich mache, nicht universal. Das ist ein wichtiges Wissen, weil ich dann nämlich auch nach links und nach rechts gucke – was erfahren meine Mitstreiterinnen, wo lohnt es sich nochmal hinzuschauen und welche Kämpfe können wir gemeinsam machen, auch Kämpfe, die mich nicht direkt betreffen? Das versuche ich in meiner politischen Praxis umzusetzen.

Manches hat sich nicht geändert: Kleber mit feministischen Parolen auf dem Klo. (Foto: Dorothee Barsch)

Wie wichtig und möglich sind Bündnisse?

Bündnisse mit externen und staatlichen Institutionen wie zum Beispiel der Polizei wurden früher vehement abgelehnt, erinnert sich Cristina Perincioli. Durch die staatliche Überwachung, vor allem im Herbst 1977, habe auch ein großes Misstrauen gegenüber dem Staat bestanden, der enormen Druck ausübte, zum Beispiel durch Hausdurchsuchungen. Auch Koalitionen mit männlich dominierten Institutionen wie zum Beispiel Parteien waren nicht erwünscht – aus Angst vor Autonomieverlust, wie Perincioli sich erinnert:

Die waren immer sehr neidisch auf die Frauenbewegung, weil wir so lebendig waren. Wir haben unglaublich viel geleistet. Wir gaben nicht nur Papiere heraus wie die anderen, sondern es kamen wirklich Projekte dabei heraus. Die versuchten dann immer wieder, uns zu übernehmen. Die Autonomie war damals immer gefährdet, und immer schwer umkämpft.

Eines der Projekte der autonomen Frauenbewegung: Pfingsttreffen im Lesbischen Aktionszentrum (LAZ), 1975. (Foto: M.S.)
Eines der Projekte der autonomen Frauenbewegung: Pfingsttreffen im Lesbischen Aktionszentrum (LAZ), 1975. (Foto: M.S.)

Heute wünscht sich Perincioli aber einen stärkeren generationenübergreifenden Austausch, mit mehr Einsatz auch von Frauen ihrer Generation.

Ich habe das Gefühl, die generationenübergreifenden Informationsstrukturen fehlen. Entweder habe ich sie noch nicht entdeckt, oder wir sollten sie jetzt mal einrichten, sodass die Alten erfahren, was die Jungen machen, und einfach auch mal mitgehen. Wenn das alles im Netz bei Twitter stattfindet, dann kriegen wir das auf dem Land nicht mehr mit.

Sie schlägt zum Beispiel einen Austausch der Bloggerinnen vor und fragt provozierend:

Muss man sich denn politisch einig sein?

Für Magda Albrecht persönlich lautet die Antwort auf diese Frage: Ja.

Ich möchte mich wohlfühlen in dem Kollektiv in dem ich Politik mache. Und dieses Wohlfühlen ist auch daran geknüpft, dass wir bei einigen politischen Perspektiven die mir sehr wichtig sind einen gewissen Konsens haben. Auch die Mädchenmannschaft streitet sich, aber wir haben politischen Konsens in wichtigen Dingen, die uns bewegen. Und ich habe für mich entschieden, dass mir das wichtig ist. Ich gehe trotzdem gerne hin und wieder an Kontexte, bei denen es knallen kann. Aber wenn ich mich langfristig für ein Projekt engagiere, möchte ich mich wohlfühlen.

Sie ist skeptisch, wieweit Bündnisse funktionieren können. Von einem forcierten „Wir“ hält sie nichts. Bei Themen wie zum Beispiel Hilfe für Geflüchtete würden trotzdem punktuelle, nicht-identitäre Bündnisse entstehen. Sie wolle aber nicht um jeden Preis und mit jeder Gruppe kooperieren. Magda Albrecht bewegt sich lieber in spezifischeren Kontexten, zum Beispiel queerfeministischen.

Magda Albrecht bei einer queerfeministischen Diskussionsrunde zu Fat Activism.
Magda Albrecht bei einer queerfeministischen Diskussionsrunde zu Fat Activism.

Als Beispiel, wo Bündnisse gut funktionieren, nennt Magda Albrecht die Demos gegen die Abtreibungsgegner_innen vom „Marsch für das Leben“, die gemeinsam von zwei Initiativen, dem „What the Fuck“-Bündnis und dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, organisiert werden. Dieses gemeinsame Anliegen verbinde die Generationen, die unterschiedliche Netzwerke mitbrächten: Ältere Feminist_innen hätten oft andere Kontakte, zum Beispiel zu Politik und Medien, die den jüngeren so nicht zur Verfügung stünden.

Demonstration gegen den "Marsch für das Leben" 2013. (Foto: Magda Albrecht, via Twitter)
Demonstration gegen den „Marsch für das Leben“ 2013. (Foto: Magda Albrecht, via Twitter)

Hinweis und Aufruf: Weitere Anekdoten und Dokumente aus der beginnenden autonomen Frauenbewegung im Berlin der Jahre 1968 bis 1974 finden sich in Cristina Perinciolis 2015 im Querverlag erschienenem Buch Berlin wird feministisch. Wer selbst in dieser Zeit (oder auch später) feministische Projekte gegründet und mitgestaltet hat, ist aufgerufen, sich über die Homepage http://de.feministberlin1968ff.de/ bei Cristina Perincioli zu melden. Ziel ist es, ein Archiv über die Anfänge der autonomen Frauenbewegung mit Fotos, Dokumenten und Erzählungen von Zeitzeug_innen und Akteur_innen aufzubauen.

Cristina Perincioli im Interview:

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